Grafik als unmittelbare Sprache

Längst hat sich die Grafik aus ihrer dienenden Rolle als Vorzeichnung oder Skizze verabschiedet und sich als autonome Kunstgattung etabliert. Die Künstler schätzen sie als ein unkompliziertes und flexibles Mittel der Weltaneignung. Nur einige wenige mit Zeichenstift, Farbkreide oder Pinsel auf ein Blatt Papier hingeworfene Linien genügen, um einem Augenblick pulsierenden Lebens Ewigkeitswert zu verleihen. Die Grafik folgt ihren eigenen Gesetzen: sie geht nicht nur von einer vorhandenen Wirklichkeit aus, sondern sie erfindet spontan ihre eigenen Welten. Sie verhält sich dabei wie ein Chamäleon. Das eine Mal zeigt sie sich durch extreme Reduzierung und Selbstbeschränkung von ihrer abstraktesten Seite, das andere Mal quillt sie nur so über vor narrativen Details und farblichen Differenzierungen. Die Grafik lässt sich nicht zum Sklaven einer starren Stilausübung machen, sondern steht allen künstlerischen Richtungen, den konzeptionellen genauso wie den realistischen, expressiven oder konstruktiven zur Verfügung. Ihre Handhabung erfordert jedoch nicht nur Spontaneität, sondern auch Könnerschaft und Verve. Während ein Gemälde immer wieder überarbeitet werden kann, eine neue Malschicht die ältere überlagert, haftet an jedem Strich, der zu Papier gebracht wird etwas Endgültiges. Obwohl oder gerade weil sie mit wenigen Mitteln auskommen muss, wohnt ihr ein direktes, ein sinnliches Moment inne. Die Zeichnung fordert den Betrachter auf, genauer hinzusehen und dem Konturenverlauf der Linie mit den Augen zu folgen. In der Strichführung, der unterschiedlichen Breite und Tönung der Linie sowie dem An- und Abschwellen des Strichvolumens entdeckt der Betrachter die unverwechselbare Handschrift des Künstlers. Diese ist oft Ausdrucksträgerin der psychischen Verfassung des Künstlers und offenbart seine innere Gefühlswelt. Im Zustand des Non-Finito belassen, erhöht die Grafik die Spannung für den Betrachter zusätzlich. Er wird zum aktiven Zeugen des Schaffensprozesses, der das nur Angedeutete im Geiste vollendet. Die großen stilistischen und thematischen Wenden in der Kunstgeschichte treten vielfach in Gemälden und Bildhauerarbeiten zu Tage. Die Vorbereitung dazu ist jedoch oft in den grafischen Studien und im zeichnerischen Impetus zu suchen. Gerade das Medium der Grafik, das weniger an traditionelle Vorstellungen gebunden ist, regt zu künstlerischen Experimenten an. Ursula Perucchi gesteht der Grafik sogar die Rolle einer Schrittmacherin der Moderne zu, die die Entwicklung der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts nicht nur begleitet, sondern aktiv vorangetrieben hat.

Barbara Herzog